Nationale Befreiungsbewegung Deutschland

Die deutsche Besatzungsmacht in Polen

Mit dem Beginn des deutschen Einmarsches in Polen am 1. September 1939 kam es zu pogromartigen Übergriffen polnischer Soldaten und Zivilisten auf die deutsche Minderheit in Polen (Bromberger Blutsonntag). Die Nazipropaganda verzehnfachte die Zahl der deutschen Opfer, um „Vergeltungsmaßnahmen“ zu rechtfertigen. Dafür wurde eine von SS-Offizieren geleitete neue Organisation gegründet: Der „Volksdeutsche Selbstschutz“.
Im Februar 1940 wandte sich der ostpreußische Pfarrerssohn Generaloberst Blaskowitz, Oberbefehlshaber des deutschen Besatzungsheeres in Polen, gegen das „Abschlachten“ und die Zwangsumsiedlung von Polen und Juden. Daraufhin verlor Blaskowitz seinen Oberbefehl im Osten. Hitlers Heeresadjutant, Major Engel, notierte bereits am 18. November 1939 in seinem Tagebuch:

Die Einstellung der Truppe zur SS und Polizei schwankt zwischen Abscheu und Hass. Jeder Soldat fühlt sich angewidert und abgestoßen durch diese Verbrechen, die in Polen von Angehörigen des Reiches und Vertretern der Staatsgewalt begangen werden. Er versteht nicht, wie derartige Dinge, zumal sie sozusagen unter seinem Schutz geschehen, ungestraft möglich sind.15.02.1940, Generaloberst Blaskowitz. Zitiert nach: Nawratil, Schwarzbuch der Vertreibung, 146.

Hitler tat diese Einstellung von Heeresführung und Truppe als „kindlich“ ab und meinte nur lapidar, dass man mit Heilsarmee-Methoden keine Krieg führen könne…
Als jedoch weitere Proteststimmen aus dem deutschen Militär laut wurden, wurde die „Entpolonisierung“ gedrosselt.

Die deutsche Besatzungsmacht teilte Ende 1939 / Anfang 1940 den von Deutschland okkupierten Teil Polens in zwei Hälften:

1. Hälfte: Die „Reichsgaue“ Danzig-Westpreußen und das Wartheland.

Diese Gebiete sollten mit dem Deutschen Reich vereinigt werden. Die Bevölkerungszahl betrug ca. 10 Mio: 87% Polen, 6,5% Deutsche und 6,4% Juden. Innerhalb von 10 Jahren sollten diese Gebiete „rein deutsch“ sein. Wer nicht mithilfe von „Volkslisten“ eingedeutscht werden konnte, wurde umgesiedelt.

2. Hälfte: Das „Generalgouvernement“.

10 Tage nach dem deutsch-russischen Grenz- und Freundschaftsvertrag vom 28. September 1939 wurde mit der Einrichtung dieses „Nebenlandes des Reiches“ in Form einer Kolonie begonnen.

Die erste organisierte Massendeportation ins Generalgouvernement fand im Dezember 1939 statt. Weil es Winter war, kamen viele Menschen dabei um.
Aus dem Warthegau wurden zwischen 1939 und Sommer 1941 etwa 450.000 (Ther, Vertriebene) bzw. 365.000 (Meyer, Polnische Geschichte) Polen vertrieben. An ihrer Stelle sollten „Volksdeutsche“ aus dem Baltikum, Ostgalizien, Wolhynien und Bessarabien angesiedelt werden.
Die Deportationstransporte mit der Reichsbahn wurden aber schon ab März 1941 gestoppt: Der Russlandfeldzug wurde vorbereitet.
Trotzdem sollen noch „mehrere Hunderttausend“ Polen Haus und Hof verlassen haben müssen, die dann in verschiedene Arbeitslager interniert wurden.

1,2 bis 1,5 Millionen polnische Arbeitskräfte kamen – teils freiwillig, teils gezwungen – nach Deutschland.Enno Meyer, Polnische Geschichte, 128. Zitiert nach Friebe, Deutschlands Osten

Ca. 630.000 Volksdeutsche wurden im Warthegau angesiedelt; offiziell hieß es: Sie kehren heim ins Reich.

1944 hatte das Warthegau eine Bevölkerungszahl von 4,4 Mio. 3,5 Mio. davon waren noch Polen.

Das „Germanisierungsmodell“ Zamosc

Im Laufe eines Besuches in der Region Zamosc im östlichen Polen im Juli 1941 gab Reichsführer SS Heinrich Himmler den Befehl zur Errichtung eines Konzentrationslagers (Majdanek) und zur Errichtung eines „Großsiedlungsgebietes“ sowohl für die Volksdeutschen, die im Generalgouvernement geblieben waren (ca. 6.000) als auch für deutsche Umsiedler vom Balkan. (Nach dem 1. Weltkrieg wurden viele Deutsche aus der Region Zamosc nach Russland deportiert. 1931 lebten noch ca. 15.865 Deutsche im östlichen Polen.)

Ohne die deutsche Verwaltung des Generalgouvernements zu unterrichten, versuchte der Reichsführer-SS, den Kreis Zamosc bei Lublin in einer Blitzaktion Ende November 1942 zu einem ‚germanischen Siedlungsbollwerk‘ zu machen. Die Aktion scheiterte wegen der gewaltigen Unruhe unter der polnischen Bevölkerung, der wachsenden Partisanentätigkeit und des Widerstandes des Generalgouverneurs Frank.Nawratil, Schwarzbuch der Vertreibung, 146.

Die in Zamosc ansässigen Polen sollten bis Sommer 1943 vertrieben werden. Aufgrund großer Schwierigkeiten ließ der Generalgouverneur Hans Frank dieses Experiment im August 1943 stoppen. Das „Germanisierungsmodell“ Zamosc war gescheitert.

Es ist anzunehmen, dass die von den Deutschen vertriebenen Polen, die den 2. Weltkrieg überlebt hatten, in ihre Heimat zurückkehren konnten.
Das polnische Kriegsentschädigungsamt bezifferte die Zahl der während des Zweiten Weltkriegs ermordeten Angehörigen der polnischen Intelligenz mit insgesamt 22.392. Rund 50% der Ermordeten gehen dabei auf das Konto der Nazis, die andere Hälfte fielen vor allem der Massenliquidation Stalins in Ostpolen zum Opfer.

Quellen und weiterführende Hinweise

  • Friebe, Georg: Deutschlands Osten und sein östlicher Nachbar. Beiträge zur Geschichte und Zeitgeschichte Ostdeutschlands, Polens und der deutsch-polnischen Beziehungen, Eigenverlag, 2004. [zitiert: Friebe, Deutschlands Osten]
  • Nawratil, Heinz: Schwarzbuch der Vertreibung 1945 bis 1948, 9. Aufl, Universitas, München, 2001. [zitiert: Nawratil, Schwarzbuch der Vertreibung]
  • Ther, Philipp: Deutsche und polnische Vertriebene. Gesellschaft und Vertriebenenpolitik in der SBZ/DDR und in Polen 1945-1956, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen, 1998. [zitiert: Ther, Vertriebene]
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