Professor Dr. iur. et phil. Alfred-Maurice de Zayas lehrt an der Geneva School of Diplomacy und anderen europäischen und amerikanischen Universtitäten.
22 Jahre war er an führender Stelle im Büro des UNO-Hochkommissars für Menschenrechte tätig. (U. a. als Sekretär des Menschenrechtsausschusses). Er ist Autor zahlreicher Bücher, sowie literarisch tätig als Rilke-Übersetzer. De Zayas ist Generalsekretär des PEN-Clubs in Genf.

Noch 60 Jahre danach wird die Verantwortung für die Vertreibung verschleiert

Von Prof. Dr. Alfred M. de Zayas (www.alfreddezayas.com)

Die Potsdamer Konferenz war keine Friedenskonferenz und wollte auch keine sein. Trotz der weitreichenden Beschlüsse der Sowjetunion, der USA und Großbritanniens wurde kein völkerrechtliches Abkommen und erst recht kein Friedensvertrag geschlossen, sondern lediglich ein Protokoll unterzeichnet.
Erstaunlich ist, dass Frankreich nicht eingeladen war, obwohl es die Berliner Viermächte-Erklärung vom 5. Juni 1945 mit unterzeichnet hatte. Darin hatten die Alliierten feierlich die oberste Regierungsgewalt über Deutschland „innerhalb seiner Grenzen, wie sie am 31. Dezember 1937 bestanden“ übernommen.
Als Prinzipien für die Nachkriegsordnung galten in Potsdam weder die humanitär hochstehende Atlantik-Charta von 1941 noch das Selbstbestimmungsrecht der Völker. Dies erinnert an den Umgang mit den „14 Punkten“ von US-Präsident Wilson von 1918, die bei den Pariser Friedensverhandlungen im Jahr darauf auch keine Rolle mehr spielten.

Berlin 1945 war ein Trümmerhaufen, Potsdam auch. Aber das schöne Schloss Cecilienhof war vom alliierten Bombenkrieg unberührt geblieben.

Die Konferenz begann am 17. Juli. Stalin und Molotov kamen, der neue US-Präsident Truman und sein Außenminister Byrnes, sowie eine erweiterte britische Delegation – Churchill und Eden, die dann am 25. Juli abgewählt wurden, und ihre Nachfolger Attlee und Bevin. Die Konferenz endete am 2. August mit einem 14-Punkte-Protokoll. Besonders langfristige Folgen hatten die Artikel VI über Königsberg und Ostpreußen, IX über die provisorische Westgrenze Polens und XIII über die „ordnungsgemäße Überführung“ der im Osten verbliebenen Deutschen. Seitdem ist genug Unsinn über Potsdam geschrieben worden. Viele seiner Artikel werden heute noch bewusst falsch ausgelegt. Beispielsweise versuchen Polen und Tschechien, die Hauptverantwortung für die Vertreibung auf die Alliierten abzuwälzen. Tatsache ist aber, dass Polen und die Tschechoslowakei – genauer: ihre jeweiligen Moskauhörigen Regierungen – in engem Zusammenwirken mit Stalin bereits Monate vor „Potsdam“ mit der Vertreibung der Deutschen begonnen hatten. Millionen waren verjagt oder ermordet worden, als Artikel XIII den Stopp dieser Aktionen verfügte, bis der alliierte Kontrollrat über weitere „Bevölkerungstransfers“ entscheiden würde.

Die Welt „nach Potsdam“ hat sich tiefgreifend verändert, vor allem mit der historischen Wende von 1989 und der Osterweiterung der EU im Jahr 2004. Geblieben ist die noch nicht bewältigte Verantwortung Polens und Tschechiens für die größte Vertreibung der Geschichte.