Zur Vorbereitung auf die Konferenzen von Malta und Jalta stellte das amerikanische Außenministerium um die Jahreswende 1944/45 für Präsident Roosevelt und Außenminister Stettinius ein „Briefing Book“ her, das die amerikanischen Staatsmänner über die Auffassung des Ministeriums zu den wichtigsten Weltproblemen unterrichten sollte. Eines der Dokumente, das vom 12. Januar 1945 datiert ist, sagte in Bezug auf deutsche Grenzprobleme:

Pre-Conference Documents

B. Political Reconstruction of Germany

III. Frontier Settlements

  • A. Empfehlungen
  • B. Umsiedlung deutscher Minderheiten

Das Außenministerium glaubt, dass bei der Festlegung der Nachkriegsgrenzen in Europa die Politik dieser Regierung darauf gerichtet sein sollte, bei jedem Zwist eine Lösung zu suchen, die sich auf die besonderen Umstände des jeweiligen Problems und auf das Verhältnis zwischen diesem Problem und der Gesamtregelung gründet. Das Ministerium ist der Ansicht, dass die hauptsächlichen Kriterien sein sollten:

  1. die größtmögliche Aussicht auf eine allgemeine Annahme und Stabilität und
  2. der größte Beitrag zur normalen Entwicklung der allgemeinen internationalen Ordnung.
A. Empfehlungen

Im Lichte solcher Überlegungen unterbreitet das Außenministerium die folgenden Empfehlungen in Bezug auf die Grenzen Deutschlands:

  1. Die dänisch-deutsche Grenze sollte unverändert bleiben.
  2. Die Wassergrenze zwischen den Niederlanden und Deutschland sollte vom westlichen Ufer der Emsmündung zum Hauptkanal verschoben werden; darüber hinaus sollten niederländische Ansprüche auf deutsches Gebiet als Entschädigung für die Beschädigung niederländischen Bodens erwogen werden.
  3. Die belgisch-deutsche Grenze sollte auf die Linie der Jahre 1920-1940 zurückgeführt werden.
  4. Elsass-Lothringen sollte zu Frankreich zurückkehren.
  5. An der Grenze zwischen Österreich und Deutschland sollten die gegenwärtigen Verwaltungsgrenzen beibehalten werden. Diese Empfehlungen bedeuten die Wiederherstellung der Grenze aus der Zeit vor 1938 mit der Ausnahme eines kleinen Gebietes im Bezirk Sonthofen, der aus Gründen der Verwaltungsvereinfachung auf Bayern übertragen worden ist und bei Bayern bleiben sollte, wenn nicht überzeugend dargetan wird, dass die Einwohner eine Rückkehr zu Österreich wünschen.
  6. Die Grenzen zwischen der Tschechoslowakei und Deutschland aus der Zeit vor München sollten im Prinzip wiederhergestellt werden, abgesehen von einigen kleineren Berichtigungen, welche die tschechoslowakische Regierung möglicherweise vorzuschlagen wünscht.
  7. Polen sollte Ostpreußen (mit Ausnahme des Gebietes um Königsberg), die frühere Freie Stadt Danzig, Deutsch-Oberschlesien und den Ostteil von Pommern mit einem Gebiet von annähernd 6812 Quadratmeilen erhalten. (Anm.: Etwa 17.700 qkm. Der seit 1945 unter polnischer Verwaltung stehende Teil Pommerns umfasste rund 31.432 qkm. Vgl. Statist. Jahrbuch für die Bundesrepublik Deutschland 1952, S. 12)

Das Außenministerium schlägt diese Lösung eines äußerst schwierigen Grenzproblems als diejenige vor, die im Lichte der gegenwärtigen Umstände die gerechteste Regelung darstellt und zugleich die Regelung, die am meisten verspricht, zur internationalen Beruhigung in Osteuropa beizutragen. Es ist jedoch bekannt, dass Polen möglicherweise einen starken Druck ausüben wird, um noch größere Teile deutschen Gebiets zu erhalten. Wenn dies der Fall ist, wird die Auffassung vertreten, dass es für die Vereinigten Staaten tunlich wäre, sich solchen Vorschlägen zu widersetzen.

Die oben empfohlene Lösung würde bedeuten, dass Polen ein Gebiet von ungefähr 21.000 Quadratmeilen erhält, in dem annähernd 4.200.000 Einwohner leben. (Anm.: Etwa 58.600 qkm. Die seit 1945 unter polnischer Verwaltung stehenden ostdeutschen Gebiete umfassten insgesamt 100.663 qkm. Offenbar ist in der im Text genannten Zahl aber auch das Gebiet der Freien Stadt Danzig mit 1893 qkm enthalten, so dass sich der Vorschlag also auf rund 56.700 qkm des Reichsgebiets in den Grenzen von 1937 bezog. Vgl. Statist. Jahrbuch für die Bundesrepublik Deutschland 1952, S. 12)

Die polnisch-deutsche Grenze im Norden von Oberschlesien würde begradigt und um 130 Meilen verkürzt werden. Polens Seeküste würde auf über 200 Meilen verlängert werden und gut Häfen in Gdingen und Danzig erhalten. Die Annexion Oberschlesiens würde die Industriekapazität Polens wesentlich stärken und eine einheitliche und rationalisierte Bewirtschaftung des gesamten oberschlesischen Bezirks ermöglichen.

Wegen der Bedeutung dieser Frage ist eine besondere Studie des Problems angefügt, die vom Ministerium hergestellt worden ist.

B. Umsiedlung deutscher Minderheiten

Die Abtretungen an Polen, die oben empfohlen sind, würden annähernd 3.400.000 Deutsche zusätzlich zu den mehr als 700.000, die vor dem jetzigen Krieg in Polen lebten, unter polnische Herrschaft bringen. (Anm.: Nach den Ergebnissen der polnischen Volkszählung von 1931 betrug die Zahl der in Polen lebenden Deutschen 741.000. Nach Selbstzählungen oder Schätzungen war sie aber für 1939 auf 1.022.00 anzusetzen. Vgl. Th. Bierschenk: Die deutsche Volksgruppe in Polen 1934-1939, Kitzingen 1954, S.10)

Sowohl die polnische Exilregierung als auch das Lubliner Komitee haben den Wunsch ausgedrückt, diese deutsche Bevölkerung zu vertreiben. Außerdem wünscht die Exilregierung der Tschechoslowakei, mehr als 1.500.000 Sudetendeutsche zu entfernen.

Das Außenministerium ist der Ansicht dass während der letzten Perioden des Krieges und während der ersten Nachkriegszeit eine wahllose Austreibung so vieler Menschen einen ungeheuren Beitrag zu der Verwirrung leisten würde, die wahrscheinlich in diesem Gebiet herrschen wird, so dass die öffentliche Gesundheit eines großen Teiles Europas und der Friede und die Ordnung auf dem Kontinent gefährdet würden. Trotzdem besteht nicht die Auffassung, dass es für die Vereinigten Staaten ratsam wäre, einer solchen allgemeinen Umsiedlung zu widersprechen, wenn die tschechoslowakische und polnische Regierung mit der Unterstützung der britischen und sowjetischen Regierung darauf bestehen. Vielmehr glaubt das Außenministerium, dass diese Regierung soweit wie möglich danach trachten sollte, eine Einigung über die Umsiedlung derjenigen ausgewählten Teile der deutschen Minderheit aus Polen und der Tschechoslowakei zu erreichen, deren Umsiedlung zur Besserung der Beziehungen zwischen den betreffenden Ländern und zu einer größeren Stabilität in diesem Teil Europas beitragen würde. Das Ministerium ist für eine Politik, die diese Umsiedlung auf ein Mindestmaß beschränkt und sie schrittweise in ordnungsgemäßer Weise und unter internationaler Aufsicht stattfinden lässt, über die sich die hauptsächlichsten Alliierten auf der einen Seite und Polen und die Tschechoslowakei auf der anderen Seite einigen müssten.

In Bezug auf die polnischen Grenzprobleme heißt es in dem gleichen Briefing Book:Obwohl die Grenzfrage in den Besprechungen des polnisch-sowjetischen Streites eine große Rolle gespielt hat, besteht die Auffassung, dass diese Angelegenheit tatsächlich zweitrangig ist gegenüber dem größeren Problem der Errichtung einer lebensfähigen und wirklich unabhängigen polnischen Regierung. In dieser Hinsicht besteht die Ansicht, dass die Regierung der Vereinigten Staaten ihren Einfluss geltend machen sollte, um eine Lösung dieses Problems zu erreichen, die in Zukunft die Streitpunkte vermindern, einen möglichen Irredentismus ausschalten und die Zahl der Minderheitengruppen verringern würde, welche im Zuge der Regelung umgesiedelt werden müssten, damit die Lösung im größtmöglichen Maße zum Frieden und zur künftigen Beruhigung Europas beiträgt. Die provisorische Lubliner Regierung und ihre Vorgänger einschließlich des von Moskau geförderten Verbandes Polnischer Patrioten haben seit mehr als eineinhalb Jahren ihre Forderungen nach einer „Kompensation“ Polens mit deutschem Boden ständig vergrößert. Die Beweggründe dieser wachsenden Forderungen sind nicht klar; aber es ist möglich, dass folgende Faktoren bei den steigenden Ansprüchen eine Rolle gespielt haben:

  1. Wenn ein großer Teil deutschen Gebiets Polen angegliedert und acht bis zehn Millionen Deutsche umgesiedelt werden, wird der künftige polnische Staat aller Voraussicht nach gezwungen sein, sich völlig von Moskau abhängig zu machen, um einen Schutz gegenüber den deutschen irredentistischen Forderungen zu erlangen, und er kann tatsächlich ein ausgewachsener sowjetischer Satellit werden.
  2. Wenn es sich als unmöglich erweisen sollte, eine Weltsicherheitsorganisation zu errichten, un die Sowjetunion auf diese Weise gezwungen wird, sich auf ihre eigenen Mittel der Sicherung zu verlassen, liegen die Vorteile einer polnischen Grenze, die soweit wie möglich im Westen verläuft, klar auf der Hand, besonders, wenn die künftige polnische Regierung sich mehr oder minder unter der Herrschaft Moskaus befinden sollte.
  3. Die sowjetischen Machthaber mögen die Hoffnung haben, dass das polnische Volk, wenn man dem künftigen polnischen Staat eine außerordentlich große Kompensation im Westen gibt, bereitwilliger den Verlust von 42 Prozent des früheren polnischen Territoriums im Osten hinnehmen wird.

Die sowjetische Regierung befürwortet jetzt augenscheinlich eine „Kompensation“ Polens mit deutschem Gebiet bis zur sogenannten Oder-Neisse-Linie, welche die Städte Stettin und Breslau auf polnischer Seite einschließen und die Umsiedlung von acht bis zehn Millionen Deutschen aus diesen Gebieten erforderlich machen würde; die britische Regierung mag sich einer „Kompensation“ Polens bis zur Oder-Linie (Linie b auf der beigefügten Karte) nicht widersetzen; dagegen sollte die Regierung der Vereinigten Staaten ihren Einfluss geltend machen, um eine weniger radikale Lösung zu erreichen, wie sie unten dargestellt ist. Es besteht die Ansicht, dass auf die Dauer gesehen diese Lösung wesentlich zum künftigen Frieden und zur Beruhigung Europas beitragen würde. Darüber hinaus würde die vorgeschlagene Lösung aller Voraussicht nach für die Weltmeinung weit annehmbarer sein und die Aussicht verstärken, dass Amerika Mitglied in einer Weltsicherheitsorganisation werden kann, deren Existenz nicht von Anfang an dadurch gefährdet wird, dass sie möglicherweise unhaltbare Regelungen stützen muss, wie sie von der Lubliner Gruppe vorgeschlagen werden.

Daher besteht die Auffassung, dass jede Anstrengung unternommen werden sollte, um die britische Regierung und, wenn nötig, auch die polnische Regierung zu überreden, dass sie sich für eine Grenzregelung nach den folgenden Richtlinien einsetzen, damit auch die sowjetische Regierung zur Annahme dieser Lösung überredet werden könnte.

In Bezug auf die Ostgrenze sollten Anstrengungen unternommen werden, um eine Lösung herbeizuführen, welche die Curzon-Linie als Ausgangspunkt nimmt, aber die Provinz Lemberg bei Polen belässt, damit diese im Südwesten innerhalb der Grenze des polnischen Staates bleiben. Im Norden sollte Polen den Hauptteil Ostpreußens erhalten, und im Westen sollte die einzige Berichtigung der Grenze von 1939 darin bestehen, Polen einen schmalen Streifen von Pommern westlich des sogenannten Polnischen Korridors zu geben, um den deutschen Vorsprung in diesem Gebiet zu beseitigen; ferner sollte Polen Oberschlesien erhalten, das nach seiner Bevölkerung überwiegend polnisch ist und vom industriellen Standpunkt aus besondere Bedeutung hat.

Während diese Lösung den Umfang Polens im Vergleich zu seinen Grenzen vor dem Krieg beträchtlich vermindern würde, würden nur solche Gebiete angegliedert, die überwiegend polnisch sind, sie würden vom wirtschaftlichen Standpunkt aus einen lebensfähigen polnischen Staat herstellen und die Probleme der Bevölkerungsumsiedlung auf ein Mindestmaß verringern. (Diese Grenzen sind auf der beigefügten Karte bezeichnet.)

(Anm.: In diesen nach Meinung des amerikanischen Außenministeriums „überwiegend polnischen Gebieten“ – Südostpreußen, Westoberschlesien und Ostpommern – hatten sich bei den Volksabstimmungen von 1920 und 1921 für Deutschland entschieden: Im Abstimmungsgebiet Allenstein: 97,84%, im Abstimmungsgebiet Marienwerder: 92,42%, in dem nach dem Genfer Schiedsspruch beim Deutschen Reich verbliebenen Teil des oberschlesischen Abstimmungsgebietes: 71,2%. In den ostpommerschen Grenzkreisen Lauenburg und Bütow fanden keine Volksabstimmungen statt, da ihr Deutschtum von der Pariser Friedenskonferenz nicht angezweifelt wurde. Die Volkszählung von 1925 ergab, dass im Kreis Bütow 89,25%, im Kreis Lauenburg 98,43% deutschsprachig waren, die übrigen ostpommerschen Kreise hatten überhaupt keine fremdsprachige Bevölkerung. Vgl. G. Rhode (Hg.): Die Ostgebiete des Deutschen Reiches, Würzburg 1955 und K. Keller: Die fremdsprachige Bevölkerung in den Grenzgebieten des Deutschen Reiches, Berlin 1929, S. 53.)

In Bezug auf die britische Haltung zu dieser Frage hat Churchill schon erklärt, dass er sich der von den Sowjets vorgeschlagenen Lösung im Osten mit einer Angliederung von Lemberg und den Ölfeldern an die Sowjetunion und nicht an Polen nicht widersetzen würde, und er hat erklärt, dass er für eine Kompensation Polens im Westen ist. Dabei hat Churchill nicht genau den Umfang der Kompensation definiert, die Polen von Deutschland erhalten sollte; er hat aber am 15. Dezember im Parlament erklärt, das neue Polen werde sich an der Ostsee mit einer Küste von 200 Meilen lang hinziehen. Diese Erklärung dürfte anzeigen, dass die Pläne der britischen Regierung für eine Entschädigung auf Kosten Deutschlands in groben Zügen mit der Linie c auf der beigefügten Karte übereinstimmen würde (das entspricht ungefähr der oben dargestellten Lösung, die von amerikanischer Seite vorgeschlagen wird).

Bevor der Vorschlag für eine Grenzlösung mit den sowjetischen Machthabern erörtert wird, kann es vorteilhaft sein, Anstrengungen zu unternehmen, um eine annähernde Übereinstimmung über diese vorgeschlagene Lösung mit den Briten zu erreichen.

Wenn sich alle unsere Bemühungen, diese Lösung zu erreichen, als Fehlschlag erweisen sollten, werden wir uns darauf konzentrieren, eine Regelung der polnischen Grenze zu erreichen, welche die Möglichkeit des Irredentismus und der Bevölkerungsumsiedlungen verringert, und wir sollten uns jeglichen Vorschlägen widersetzen, die entweder auf die Oder- oder die Oder-Neisse-Linie abzielen (Linie b und a auf beigefügten Karte).

Im Zusammenhang mit jeglicher endgültigen Grenzregelung, auf die man sich einigt, sollten wir soweit wie möglich und in Zusammenarbeit mit den übrigen Vereinten Nationen bereit sein, bei einer ordnungsgemäßen Umsiedlung der Minderheitengruppen zu helfen, vorausgesetzt, dass dieser Wunsch bei der polnischen Regierung besteht.

Quellen und weiterführende Hinweise

  • Foreign relations of the United StatesThe Conferences at Malta and Yalta Washington, D.C.: U.S. Government Printing Office, 1945, S. 232-234.
  • Rhode, Gotthold u. Wagner, Wolfgang: Die deutschen Ostgebiete. Band III. Quellen zur Entstehung der Oder-Neisse-Linie, S. 162-167.