Nationale Befreiungsbewegung Deutschland

Zu Beginn des Zweiten Weltkriegs bildeten territoriale Einbußen Deutschlands kein Kriegsziel der Alliierten. Anfang Februar 1940 stellte der englische Premierminister Winston Churchill noch fest, dass England jeden Versuch ablehne, Deutschland zu zerstückeln. Er hegte noch Hoffnung, Deutschland in die „Zusammenarbeit zivilisierter Nationen“ einbeziehen zu können.

Auch über ein Jahr später, am 14. August 1941, gelobten Churchill und der US-Präsident Roosevelt in der Atlantik-Charta feierlich, auf „territoriale oder irgendwelche anderen Gewinne“ zu verzichten. Sie verpflichteten sich, „territoriale Veränderungen, die nicht mit dem frei geäußerten Willen der betroffenen Völker übereinstimmen, abzulehnen“.

ERSTENS, ihre Länder streben keine Bereicherung an, weder in territorialer noch in anderer Hinsicht;
ZWEITENS, sie wünschen keine territorialen Veränderungen, die nicht im Einklang mit dem Willen der betreffenden Völker stehenAtlantik-Charta, 14. August 1941

Vor allem Polen hoffte auf seine territoriale Integrität der Vorkriegszeit. Hitler und Stalin hatten Polen nämlich untereinander aufgeteilt – die vierte Teilung Polens in der Geschichte. Molotow bezeichnete dazu Polen in einer Rede vor dem Obersten Sowjet am 31. Oktober 1939 als „Missgeburt des Versailler Vertrags“.

Bereits am 10. Oktober 1939 forderte die von General Wladyslaw Eugenius Sikorski in Paris gebildete polnische Exilregierung in einer Instruktion an ihre diplomatische Vertretung die Wiederherstellung Polens – aus militärstrategischen bzw. sicherheitspolitischen Gründen mit Ostpreußen und dem Gebiet der Freien Stadt Danzig. Der Gedanke der „Sicherung des Friedens in Europa“ durch die „unbedingt notwendige Verschiebung der deutsch-polnischen Grenze nach Westen“ wurde von Polen immer stärker beschworen und entwickelte sich schließlich zu einem Gegengewicht zur Atlantik-Charta.

Edward Raczynski, der Außenminister der polnischen Exilregierung, die nach London geflüchtet war, forderte in einer Rede im St. James’s Palace in London am 24. September 1941:

Die künftigen Grenzen Polens sollten die Sicherheit des Landes als Teil der allgemeinen Sicherheit Europas garantieren; sie sollen sowohl das lebenswichtige Bedürfnis Polens nach einem breiten Zugang zur See, der vor ausländischer Einmischung hinlänglich geschützt sein muss, als auch seine wirtschaftliche Entwicklung im Verhältnis zur Bevölkerungszahl sicherstellen.Edward Raczynski, St. James-Palast, London, 24.09.1941, zitiert nach: Quellen zur Oder-Neisse-Linie, 13f.

Nach dem deutschen Angriff auf die Sowjetunion im Sommer 1941 unterstützte Stalin bereitwillig den Gedanken, Deutschland Ostpreußen zu entreißen. Gegenüber dem US-Politiker Harry Hopkins (1890-1946) machte der russische Botschafter in den USA, Maxim Litwinow (1876-1951), deutlich, dass die Sowjets das besetzte „Ostpolen“ (Litauen, Weißrussland, Ukraine) behalten würden. Tatsächlich hatte auch England sich schon früh damit abgefunden, dass die Sowjetunion ihre Grenze bis zur „Curzon-Linie“ vorgerückt hatte.

Im Londoner Foreign Office hielt man es für aussichtslos, dass Polen je wieder seine von der Sowjetunion annektierten Ostgebiete zurückerhalten werde. Schon im März 1942 empfahl es daher, die „Curzon-Linie“ als Ostgrenze Polens anzuerkennen, und als Kompensation auf Kosten Deutschlands Ostpreußen, Danzig und Oberschlesien an Polen zu geben…Hartenstein, Oder-Neisse-Linie, 59.

Die polnische Exilregierung in London protestierte, als sie erfuhr, dass die Sowjetunion sich anschickte, 180.000 Quadratkilometer vom Vorkriegspolen zu annektieren. Sie brachte die Westalliierten damit in Verlegenheit. Großbritannien war für Polens Unversehrtheit in den Krieg gegen Deutschland gezogen. Wenn man Russland nun gestattet, mit Rückblick auf die Dritte Teilung Polens 1795 diese Gebiete (und darüber hinaus) erneut zu annektieren, dann hätte man auch Hitler erlauben können, Warschau zu behalten, das ja Teil der preußischen Beute von 1795 gewesen war.

Churchill jedoch räumte der „Anti-Hitler-Koalition“ mit der Sowjetunion nach dem Sieg der Roten Armee in Stalingrad den Vorrang ein. Für die Westalliierten als auch für Stalin war dies ein reines Zweckbündnis.

Quellen und weiterführende Hinweise

  • Hartenstein, Michael A.: Die Geschichte der Oder-Neiße-Linie, Olzog-Verlag, München, 2006, S. 65-82. [zitiert: Hartenstein, Oder-Neisse-Linie]
  • Rhode, Gotthold u. Wagner, Wolfgang (Hg.): Die Deutschen Ostgebiete. Band III. Quellen zur Entstehung der Oder-Neisse-Linie in den diplomatischen Verhandlungen während des Zweiten Weltkrieges. Brentano-Verlag, Stuttgart, 1956. [zitiert: Quellen zur Oder-Neisse-Linie]
  • Zayas, Alfred Maurice de: Die Nemesis von Potsdam. Die Anglo-Amerikaner und die Vertreibung der Deutschen, überarb. u. erweit. Neuauflage,Herbig-Verlag, München, 2005, S. 81-85. [zitiert: De Zayas, Nemesis]
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