Nationale Befreiungsbewegung Deutschland

Bei der Durchsetzung des Kommunismus in Osteuropa erhielt Polen von der Sowjetunion eine Schlüsselrolle zugedacht.

Das war gar nicht so einfach, denn mit antisemitischem Zungenschlag (Strobel, Potsdamer Konferenz, 103) wurden in Polen Juden mit Kommunisten gleichgesetzt. Kommunisten galten als Staatsfeinde und Volksverräter, weil sie gegen die Unabhängigkeit der 1918 neu entstandenen Republik Polen waren und ihre Grenzen zugunsten Deutschlands und der Sowjetunion verändern wollten.
Georg W. Strobel bezeichnet so die Situation 1945 – einige Monate vor der Potsdamer Konferenz – als „schizophren“, da von den (sowjetischen) Kommunisten deutsches Staatsgebiet zugunsten Polens übernommen wurde. (Vgl. Strobel, Potsdamer Konferenz, 104.)

Trotz der politischen Gegensätze und der Widersprüchlichkeiten der kommunistischen Haltung von 1945 zu derjenigen der dreißiger Jahre kam es mit Kriegsende zum ersten Mal in der polnischen Geschichte zu einem national und konfessionell geschlossenen, nach Westen ausgreifenden polnischen Staat.

Die polnische Akzeptanz der in Potsdam angedachten und von Stalin festgeschriebenen „Westverschiebung Polens“ liegt tiefer, als lediglich ein Reflex auf Schrecken und Leiden des Zweiten Weltkriegs zu sein.
Der Traum einer Ausdehnung Polens nach dem Westen ist historisch mindestens seit dem 17. Jh. tradiert. In der Zeit der mehr als hundertjährigen Unfreiheit, als Polen de facto von der Landkarte verschwunden war, hatte sich dieser Traum als antipreußisches bzw. antideutsches Syndrom verstärkt. (Vgl. Strobel, Potsdamer Konferenz, 109.)

Die endgültige Auslöschung Polens von der Landkarte Europas, was Preußen vorgeworfen wird, auf die es aber 1807 als Großherzogtum Warschau noch einmal zurückgekehrt war, beschloss jedoch die auf dem Wiener Kongress 1815 versammelte Staatengemeinschaft, was bei den populären Sprüchen ebenso wie in der herzerhebenden, aber stark verzeichnenden Nationalliteratur und im Geschichtsbewusstsein untergeht.Strobel, Potsdamer Konferenz, 110.

Der Traum von einem „Großpolen“ („Wielka Polska“) wurde zu einem beliebten, hoffnungs- und verheißungsvollen Sujet in der polnischen Dichtung und Literatur des gedemütigten Polens. (Strobel, Potsdamer Konferenz, 111.)
Schon bei der Vorbereitung der Versailler Friedenskonferenz nach dem Ersten Weltkrieg, wurden umfangreiche, territoriale Ansprüche vorgetragen, die die Ereignisse aus dem Jahre 1945 vorwegnahmen.

Die großen politischen Einfluss besitzende, im Oktober 1921 gegründete Organisation ‚Verband zur Verteidigung der westlichen Grenzgebiete‘ (‚Zwiazek Obrony Kresów Zachodnich‘) mit ihrer Veteranenorganisation ‚Verband der Wielkopolska-Aufständischen‘ (‚Zwiazek Powstanców Wielkopolskich‘) verlangte seit Anfang der zwanziger Jahre eine territoriale Ausdehnung Polens auf Kosten Deutschlands, was die deutscherseits durch Revisionsforderungen und die Kritik und Ablehnung der Wiederherstellung Polens ohnehin grob belasteten gegenseitigen Beziehungen zuspitzte.Strobel, Potsdamer Konferenz, 113.

Diese Forderungen, die in der polnischen Öffentlichkeit mit breiter Zustimmung aufgenommen wurden, fanden Eingang in die Reden von Politikern, Wissenschaftlern und Militärs.
Die Ostabteilung des britischen Forein Office berichtete Mitte 1939 über die Situation in Polen: Das polnische Militär ginge bei einer kriegerischen Auseinandersetzung, die infolge der Drohungen und Kriegsvorbereitungen Hitlers 1938 unausweichlich schien, von einem schnellen Sieg mit erheblichen Gebietsgewinnen aus: mindestens Ostpreußen mit Königsberg, daneben aber auch Breslau und wahrscheinlich noch einiges mehr. Man sähe bei Kriegsausbruch ein furchtbares Massaker unter den Volksdeutschen voraus. (Strobel, Potsdamer Konferenz, 114; vgl. auch Chauvinismus und Verstrickung, 21.)
Ein solch überheblicher Chauvinismus brachte sogar die Engländer gegen Polen auf und sie „drohten“ mit einer erneuten Teilung Polens.

Mit Beginn des Zweiten Weltkriegs gewannen die polnischen Forderungen dann immer mehr an Akzeptanz. Ende 1940 wurde von der polnischen Exilregierung in London bzw. vom polnischen Untergrund zum ersten Mal überhaupt von einer Vertreibung der deutschen Bevölkerung bis zur Oder und Lausitzer Neiße gesprochen.

Angesichts der Vorstellungen in der Heimat schlug die Londoner Exilregierung im Dezember 1942 nach langen und kontroversen Diskussionen den Westalliierten konkret eine Grenze an Oder und Lausitzer Neiße vor, worin sich im Gegensatz zur Ostgrenze alle politischen Gruppierungen des Exils einig waren. Aus dem übernommenen deutschen Gebiet müsste die einheimische deutsche Bevölkerung ausgesiedelt werden, wurde zusätzlich gefordert. Strobel, Potsdamer Konferenz, 116f.

Der als Gegenregierung in Moskau entstandene „Verband polnischer Patrioten“ („Zwiazek Patriotów Polskich“) griff diese Forderungen auf und gewann damit selber Akzeptanz in der polnischen Gesellschaft.
Auf der Potsdamer Konferenz vertrat dann Stalin die polnischen Grenzinteressen, die weitgehend an die Untergrund-Programme von 1940-1941 und an die exilpolnische Regierungsvorstellungen von 1942 angelehnt waren.
Am 24. Juli wurden Stalins polnische Statthalter nach Potsdam beordert und in sein Verhandlungsspiel eingebunden. Dieses Spiel wurde in Polen als „brüderliche Verbundenheit“ verkauft. In Wirklichkeit gehörte es zu Stalins „Sowjetisierungskalkül“. Die legale polnisch Exilsregierung wurde in Warschau Mitte 1945 durch die „Vorläufige Regierung der nationalen Einheit“ unter Beteiligung dreier Exilpolitiker „abgelöst“.

Indem sie das „tradierte Deutschlandsyndrom“ in der polnischen Gesellschaft pflegten und ihr unnachsichtlichen und brutalen Chauvinismus gegenüber den Deutschen nahe brachten, der von ihr auch zum allergrößten Teil breitwillig akzeptiert wurde (Strobel, Potsdamer Konferenz, 120), gewann die kommunistische Regierung nationale Legitimation und Identifikation.

Bereits Ende Febuar 1945, Monate vor Kriegsende und lange vor der Potsdamer Konferenz, forderte Wladyslaw Gomulka öffentlich nicht nur die von Stalin längst festgelegte und zugesicherte Westgrenze, sondern mit harten, sehr unnachsichtigen Vokabeln auch eine Vertreibung aller Deutschen, wobei er auf dem Hintergrund der für die fernere Zukunft vorausgesagten ‚Revancheabsichten, die noch lange im deutschen Volke wach sein werden‘, die Erwartung formulierte, dass dies ‚das polnische Volk instinktiv zur (nationalen) Einigung‘ führen werde, womit er bereits sehr früh die nationale legitimative Strategie der Kommunisten andeutete und zugleich Sprachregelungen für die Zeit nach dem Kriegsende festlegte.Strobel, Potsdamer Konferenz, 120

Der Umstand, dass die kommunistische und nicht die nationalpolnische Exilregierung es fertiggebracht habe, erstmals in der Geschichte Polens einen dazu auch noch konfessionell geschlossenen Nationalstaat zu schaffen, wurde auch gegenüber der Katholischen Kirche Polens instrumentalisiert, die sich als „Polnische Kirche“ so den „nationalen Kommunisten“ nicht verschloss.

Zur Festigung der kommunistischen Herrschaft wurden Tausende ehemals nationalpolnische Untergrundkämpfer zusammen mit Deutschen und Verbrechern verschiedener Art in Gefängnisse und KZ interniert. (Vgl. Strobel, Potsdamer Konferenz, 121f.)

Der Gegensatz zu Deutschland wurde zur wichtigsten Säule des kommunistischen Polens – ganz gleich wie sehr sich die Bundesrepublik um Polen bemühte.
Das „Deutschlandsyndrom“ wurde zu einem notwendigen Freundschaftsbund mit der Sowjetunion (Strobel, Potsdamer Konferenz, 122) stilisiert. Die Sowjetunion sollte als Garant der polnischen Unabhängigkeit und Staatlichkeit, die alleine von der Sowjetunion erkämpft wurde, fungieren, als Patron der polnischen Besitzstandswahrung gegenüber Deutschland und den mit ihm verbundenen Westmächten.

Solchermaßen gelang es den kommunistischen Machtträgern, sich über ihre eigene Herrschaftszeit hinaus nicht nur als Hüter polnischer nationaler und staatlicher Interessen zu profilieren, sondern auch die Gesellschaft über Jahrzehnte mit dem Deutschlandsyndrom zu manipulieren.Strobel, Potsdamer Konferenz, 123.

Quellen und weiterführende Hinweise

  • Georg W. Strobel: Chauvinismus und Verstrickung. Die Haltung der katholischen Kirche Polens gegenüber Deutschen und Deutschland, insbesondere nach 1945, Schriftenreihe „Der besondere Vortrag“, Horst Kühnel (Hg.), Heft 2, Haus des Deutschen Ostens, München, 1999. [zitiert: Chauvinismus und Verstrickung]
  • Georg W. Strobel: Die Potsdamer Konferenz als Mittel der Sowjetisierung Polens. In: Timmermann, Heiner (Hg.): Potsdam 1945. Konzept, Taktik, Irrtum? (Reihe: Dokumente und Schriften der Europäischen Akademie Otzenhausen, Band 81.), Duncker & Humblot, Berlin, 1997. [zitiert: Strobel, Potsdamer Konferenz]
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