• 22.06.1941 Ausbruch des deutsch-sowjetischen Krieges
  • 30.07.1941 Polnisch-Sowjetisches Abkommen
  • 04.12.1941 Ministerpräsident Sikorski besucht Stalin in Moskau
  • 16.12.1941 Außenminister Eden zur Besprechung in Moskau
  • 20.12.1941 Churchill antwortet telegraphisch an Eden

22.06.1941 Ausbruch des deutsch-sowjetischen Krieges

Nach dem 22. Juni 1941 erwartet Polen die Rückgabe der polnischen Ostgebiete

Der Ausbruch des deutsch-sowjetischen Krieges am 22. Juni 1941 brachte Polen und die Sowjetunion in ein neues Verhältnis zueinander. Die polnische Exilregierung in London knüpfte daran sofort bestimmte Erwartungen:

Nach unserer Kabinettssitzung in London sprach General Sikorski über den Rundfunk zu Polen. Er sagte, unser Land schließe nicht die Möglichkeit einer Verständigung mit seinem früheren Feind, Russland, aus. Polen sei logischerweise berechtigt anzunehmen, dass Russland den Nazi-Sowjet-Pakt von 1939 aufheben und zu dem alten, im Rigaer Vertrag von 1921 geregelten polnisch-russischen Verhältnis zurückkehren werde. Das würde bedeuten, dass ein neuer Anfang in den polnisch-russischen Beziehungen gemacht werden könne; es bedeutete ferner die Möglichkeit einer echten Zusammenarbeit zwischen beiden Ländern in dem gemeinsamen Kampf.

Aus: Stanislaw Mikolajczyk, The pattern of Soviet domination. London (1948), S.16-17.

Die Sowjetunion weigert sich, die russisch-polnische Grenze von 1921 anzuerkennen

Alsbald begannen in London Besprechungen zwischen Vertretern der Sowjetunion und Polen. Der spätere polnische Ministerpräsident Mikolajczyk berichtet darüber. (Mikolajczyk war seit dem 23. Januar 1940 Vizepräsident des Polnischen Nationalrats (des Exilparlaments); seit dem 22. Januar 1942 gehörte er der Regierung als stellvertretender Ministerpräsident an.)

Als wir uns mit dem russischen Botschafter in London, Iwan Majskij, zusammensetzten, um einen neuen Vertrag auszuarbeiten, mussten wir zu unserer Verwunderung erfahren, dass Russland nicht bereit war, unsere bescheidenen Forderungen anzunehmen.
Bestürzt baten wird die Briten, uns bei der Durchsetzung unserer Mindestforderungen zu unterstützen. Als wir darauf hinwiesen, dass wir nichts anderes als die Rückkehr zum Status quo der Vorkriegszeit verlangten, wurde uns bedeutet, wir sollten im Interesse der „alliierten Einheit“ schweigen – ein Ausdruck, der in der Folge von den westlichen Mächten wiederholt gutgläubig benutzt, von den Russen aber missbraucht werden sollte. So musste wir in unserem tödlichen Kampf mit den Nazis über einen Alliierten unserer Alliierten, Sowjetrussland, schweigen.

Aus: Stanislaw Mikolajczyk, The pattern of Soviet domination, S. 17.

30.07.1941 Polnisch-Sowjetisches Abkommen

Die Sowjetunion erklärt die deutsch-sowjetischen Grenzvereinbarungen von 1939 für ungültig

Nach schwierigen Verhandlungen kam am 30. juli 1941 in London ein polnisch-sowjetisches Abkommen zustande, das ohne Ratifikation sofort in Kraft trat. Die entscheidenden Artikel 1-3 dieses Abkommen lauten:

1. Die Regierung der UdSSR anerkennt, dass die sowjetisch-deutschen Verträge des Jahres 1939 bezüglich der territorialen Veränderungen in Polen ihre Geltung verloren haben. Die Polnische Regierung erklärt, dass Polen durch keinerlei Abkommen mit irgendeiner dritten Seite gebunden ist, das gegen die UdSSR gerichtet ist.

2. Diplomatische Beziehungen werden zwischen beiden Regierungen nach Unterzeichnung dieser Vereinbarung hergestellt, und es wird unverzüglich ein Austausch von Botschaftern vorgenommen werden.

3. Beide Regierungen verpflichten sich gegenseitig, einander jegliche Art von Hilfe und Unterstützung in dem gegenwärtigen Krieg gegen Hitler-Deutschland zukommen zu lassen.

Aus: Prawda Nr. 210 vom 31. Juli 1941, S. 1. Übersetzung aus dem Russischen.

04.12.1941 Ministerpräsident Sikorski besucht Stalin in Moskau

Stalin will über die russisch-polnische Grenze diskutieren

Anfang Dezember 1941 stattete Sikorski in Moskau Stalin einen Besuch ab. Der polnische Botschafter in Washington, J. Ciechanowski, fragte ihn einige Monate später, ob Stalin sich auch über die Frage der polnischen Ostgrenze geäußert habe.

„Ich hatte das Gefühl“, antwortete Sikorski, „dass Stalin diese Frage ungeachtet unseres Abkommens vom 30. Juli 1941 aufwerfen würde. Und ich hatte mich nicht getäuscht, denn zuletzt brachte er noch die Rede darauf. Ich weigerte mich jedoch, das Thema zu diskutieren. Wie hätte ich auch auf solch eine Diskussion eingehen können? Nach der Verfassung hatte ich nicht das Recht dazu, und ich betrachtete diese Frage als durch unser Abkommen endgültig erledigt.“

General Sikorski erzählte, nach dem Bankett im Kreml habe Stalin sich plötzlich an ihn gewandt und gefragt: „Sollten wir jetzt nicht über die polnisch-russische Grenze sprechen?“

„Ich antwortete“, sagte General Sikorski, „ich sähe keinen Anlass, über eine Angelegenheit zu sprechen, die schon seit 1921 endgültig geregelt sei.

‚Trotzdem, ich würde gern einige Änderungen an diesen Grenzen sehen’, entgegnete Stalin.

Stalin ließ nicht locker. ‚Ich glaube, eine Besprechung wäre nützlich’, sagte er. ‚Schließlich sind die Änderungen, die ich vorschlagen möchte, sehr geringfügig. Sie scheinen zu glauben, Herr General, ich wolle Sie zu irgendwelchen großen territorialen Opfern überreden. Was ich wünsche, ist nur eine sehr kleine Veränderung an Ihrer Vorkriegsgrenze – eine Änderung, die kaum Ihren territorialen Besitzstand verändern und ihn in keiner Weise ernstlich berühren würde. Wirklich nur ein ‚tschut, tschut’, wie man in Russland eine kaum wahrnehmbare Änderung nennt.’

‚Selbst eine ‚Tschut-tschut’-Änderung ist mehr, als ich besprechen darf’, erwiderte Sikorski, ‚Sie müssen einsehen, dass ich nicht nur das Territorium meines Landes als unverletzlich betrachten muss, sondern vor allem das Prinzip, über das ich keinen Kompromiss schließen darf…’“

Aus: J. Ciechanowski, Defeat in victory. New York 1947, S.78.

Die Sowjetunion und Polen vereinbaren für die Friedenszeit „gutnachbarliche Zusammenarbeit“

Zum Abschluss des Besuchs unterschrieben J. Stalin und Ministerpräsident Sikorski am 4. Dezember eine gemeinsame Erklärung, in der es hieß:

Die Regierung der Sowjetunion und die Regierung der polnischen Republik, erfüllt vom Geiste freundschaftlicher Eintracht und Waffenbrüderschaft, erklären:

1. Der deutsche Hitler-Imperialismus ist der schlimmste Feind der Menschheit – mit ihm ist kein Kompromiss möglich. Beide Staaten werden gemeinsam mit Großbritannien und anderen Verbündeten, unterstützt durch die Vereinigten Staaten von Amerika, den Krieg bis zum vollständigen Sieg und der endgültigen Vernichtung der deutschen Eindringlinge führen.

2. In Erfüllung des am 30. Juli 1941 geschlossenen Vertrages werden beide Regierungen einander für die Dauer des Krieges volle militärische Unterstützung gewähren, und die auf dem Gebiet der Sowjetunion stationierten Truppen der polnischen Republik werden Schulter an Schulter mit den Sowjettruppen gegen die deutschen Banditen Krieg führen. In Friedenszeiten werden ihre Beziehungen auf gutnachbarlicher Zusammenarbeit, Freundschaft und gegenseitiger ehrlicher Einhaltung der übernommenen Verpflichtungen beruhen.

Aus: Prawda Nr. 337 vom 5. Dezember 1941. S.1. Übersetzung aus dem Russischen.

16.12.1941 Außenminister Eden zur Besprechung in Moskau

Stalin sagt, Polen solle Ostpreußen erhalten

Kurz darauf, Mitte Dezember 1941, weilte der britische Außenminister Eden zur Besprechung in Moskau. Er hat darüber selbst berichtet:

…In meiner ersten Unterredung mit Stalin und Molotow am 16. Dezember ließ sich Stalin mit einiger Ausführlichkeit über die von ihm für richtig erachteten Nachkriegsgrenzen in Europa und besonders über die Behandlung aus, die Deutschland widerfahren solle. Er schlägt die Wiederherstellung Österreichs als unabhängigen Staat vor, die Loslösung des Rheinlandes von Preußen als unabhängigen Staat oder als Protektorat und eventuell die Bildung eines selbstständigen Bayern. Ostpreußen soll an Polen abgetreten werden und das Sudetenland an die Tschechoslowakei zurückgegeben werden. … Die „Curzon-Linie“ soll die Grundlage der künftigen russisch-polnischen Grenze bilden…

Aus: W. Churchill, The second world war, 3.Bd., London usw. 1950, S.558.

20.12.1941 Churchill antwortet telegraphisch an Eden

Churchill antwortet: Erst den Krieg gewinnen!

Premierminister Churchill, der von Eden sofort benachrichtigt wurde, antwortete am 20. Dezember 1941 telegraphisch unter anderem:

Die Trennung Preußens von Süddeutschland und die territoriale Gestaltung Preußens gehören zu den größten der zu entscheidenden Probleme. Doch all das bleibt einer Zukunft überlassen, die ungewiss ist und vermutlich noch in weiter Ferne liegt. Vorerst gilt es, den Krieg durch harte, unablässige Anstrengung zu gewinnen. Heute derartige Fragen in der Öffentlichkeit aufzuwerfen, würde nur alle Deutschen um Hitler scharen. Sie heute Präsident Roosevelt gegenüber auch nur andeutungsweise zur Sprache zu bringen, wäre meiner Ansicht nach unklug.

Aus: W. Churchill, The second world war, 3.Bd., S.560.

Quellen und weiterführende Hinweise
  • Rhode, Gotthold u. Wagner, Wolfgang: Die deutschen Ostgebiete. Band III. Quellen zur Entstehung der Oder-Neisse-Linie, S. 13-21.